Abitur als Möglichkeitenmaximierung

Die meisten Abiturienten streben die Hochschulreife an, um sich damit möglichst viele Möglichkeiten der darauf folgenden Ausbildung offen zu halten, so eine aktuelle HIS-Studie, die 29.000 Abiturienten im Jahr 2008 ein halbes Jahr vor den Abiturprüfungen befragt hat.

Wie bereits bei den zuvor untersuchten Jahrgängen 2005 und 2006, ist auch bei den angehenden studienberechtigten Schulabgänger/inne/n 2008 das Bestreben, einen Schulabschluss zu erlangen, der alle nachschulischen Optionen offen lässt, der mit Abstand am häufigsten genannte Grund für den Erwerb der Hochschulreife (77 %).

Daneben steht die pragmatische „Verwertbarkeit“ der Hochschulreife im Vordergrund: 57 % betrachten das Hochschulreifezeugnis als unerlässliche Voraussetzung für ein Studium, 37 % als unverzichtbare Voraussetzung für jede Art von anspruchsvoller Berufsausbildung.

Zu den wichtigen Ergebnissen, die auf Bundesebene und differenziert nach Bundesländern vorliegen, sind außerdem die Befunde zu den individuellen Schwierigkeiten bei der Planung des nachschulischen Werdegangs zu zählen. Insbesondere die unvorhersehbare Entwicklung des Arbeitsmarktes bereitet den Schüler/inne/n vergleichsweise häufig erhebliche persönliche Schwierigkeiten (38 %). Erstaunen mag vor dem Hintergrund des oben mehrheitlich genannten „Offenhaltens aller Optionen“, dass für ein gutes Drittel die nur schwer überschaubare Zahl der Möglichkeiten nach dem Schulabschluss ein großes Problem darstellt (37 %). Von Bedeutung als individuelles Planungsproblem sind zudem die von knapp einem Drittel (31 %) und sogar 41 % derjenigen Schüler/innen, die sich ein halbes Jahr vor Schulabgang bereits für ein Studium entschieden haben, benannten Zugangsbeschränkungen im angestrebten Studienfach. Für nahezu gleich viele gestaltet sich die Finanzierung von Studium oder Ausbildung problematisch. Bei diesem Aspekt zeigen sich bemerkenswerte geschlechtsspezifische Unterschiede: 34 % der weiblichen, aber nur 26 % der männlichen angehenden studienberechtigten Schulabgänger geben an, dass die Finanzierung von Studium/Ausbildung ein Problem bei ihren Überlegungen über den weiteren Werdegang darstellt.

Die Neigung der angehenden Studienberechtigten 2008, ein Hochschulstudium aufzunehmen, bewegt sich ein halbes Jahr vor Schulabgang in einem großen Korridor von minimal 51 % und maximal 72 %. Das Minimum dieser Bandbreite bildet der Anteil der Schüler/innen, deren Studienentscheidung zu diesem Zeitpunkt bereits feststeht. Hinzu kommt eine Marge von weniger Entschlossenen, die „eventuell“ ein Studium aufnehmen werden. Mit 21 % fällt dieser Anteil beim Schulentlassjahrgang 2008 deutlich größer aus als bei den zuvor befragten Studienberechtigtenkohorten 2005 und 2006. Die Unsicherheiten über eine mögliche Studienaufnahme haben im Jahrgangsvergleich offenbar einen neuen Höhepunkt erreicht. 27 % der Schüler/innen werden zudem voraussichtlich gänzlich auf ein Studium verzichten. Dieser Anteil ist im Vergleich zum Studienberechtigtenjahrgang 2006 deutlich angestiegen und liegt damit wieder auf dem Niveau von 2005.

Neben dem starken Einfluss unterschiedlicher schulischer Leistungsniveaus ist auch der familiäre Bildungshintergrund nach wie vor von Bedeutung für die Überlegungen, ein Studium aufzunehmen oder darauf zu verzichten. Bei den zukünftigen Studienberechtigten 2008 aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil über einen Hochschulabschluss verfügt, beläuft sich die Bandbreite der Studierneigung auf minimal 59 % bis maximal 78 %; Schüler/innen ohne akademischen Bildungshintergrund äußern dagegen erheblich seltener eine Studienabsicht (43 % bis 65 %). Von einigem Gewicht ist zudem der West-Ost-Unterschied. Im Unterschied zu 2005 und 2006 zeigen sich beim Schulabschlussjahrgang 2008 erstmals wieder deutliche Differenzen zwischen den alten und neuen Ländern. Während sich die Studierneigung in den alten Ländern in einem Korridor von 52 % bis 73 % bewegt, liegt sie in den neuen Ländern nur zwischen einem Minimalwert von 47 % und einem Maximum von 68 %. Keinerlei Studienabsichten bekunden 26 % der westdeutschen, aber 31 % der ostdeutschen Schüler/innen in den Abschlussklassen.

Wie in allen Schulabschlussjahrgängen entscheidet sich auch ein Teil der Studienberechtigten 2008 (zumindest zunächst) gegen die Umsetzung der durch die Hochschulreife erlangten Studienoption und für die Aufnahme einer beruflichen Ausbildung. Insgesamt bewegt sich der Anteil derjenigen, die diesen Qualifikationsschritt wählen, in einer Bandbreite zwischen minimal 28 % und maximal 42 %. 2006 lag die Berufsausbildungsneigung hingegen in dem sehr schmalen Korridor von 24 % und 27 %.

Die gesamte Publikation steht als PDF-Download kostenlos zur Verfügung: http://www.his.de/pdf/pub_fh/fh-200904.pdf.