Stipendienvergabe unter sozialen Gesichtspunkten
Newsmeldung vom 11.05.2009, Kategorie: Universität
Elf Begabtenförderungswerke unterstützen rund 20.000 Studierende und Doktoranden jährlich durch Stipendien. Aber wer genau erhält eine solche Unterstützung?
Auf diese Frage versucht erstmals eine Studie der HIS Hochschul-Informations-System GmbH Antworten zu finden. Sie wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erstellt und liegt jetzt vor. Empirische Grundlage ist eine Online-Befragung unter allen Geförderten der elf Begabtenförderungswerke. An ihr haben sich im Oktober 2008 knapp 10.000 Geförderte beteiligt.
Die elf Begabtenförderungswerke, die von den unterschiedlichen Parteien, Kirchen, Sozialpartnern getragen werden bzw. politisch und weltanschaulich unabhängig sind, spiegeln in ihrer Summe die Pluralität in der Gesellschaft wider. Die Auswahl der Geförderten erfolgt nach werkspezifischen Kriterien und Verfahren, wobei alle elf Werke übereinstimmend in fachlicher Leistung, Persönlichkeit und gesellschaftlichem Engagement zentrale Voraussetzungen für eine Aufnahme in die Förderung sehen.
Von allen Stipendiatinnen und Stipendiaten werden 80 % im Rahmen der Studienförderung unterstützt. Sie kommen überdurchschnittlich häufig aus hochschulnahen Familien: In zwei Dritteln der Herkunftsfamilien hat mindestens ein Elternteil auch studiert. Unter allen Studierenden im Erststudium gilt das lediglich für jedes zweite Elternhaus. Geförderte sind ganz überwiegend auf direktem Weg mit einer allgemeinen Hochschulreife ins Studium gekommen. Die meisten in der Studienförderung absolvieren ein Erststudium (97 %) und sind an einer Universität immatrikuliert. Nur 8 % der Geförderten studieren an einer Fachhochschule. Unter allen Studierenden im Erststudium beträgt dieser Anteil 30 %.
In der Studienförderung sind Männer und Frauen nahezu gleich stark vertreten. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten sind durchschnittlich 23 Jahre alt und damit etwa ein Jahr jünger als ihre Kommiliton/innen, die nicht gefördert werden. Auch deshalb sind Geförderte seltener als der Durchschnitt der Studierenden im Erststudium bereits partnerschaftlich gebunden oder bereits Eltern. Obwohl vergleichsweise jung, haben von den Stipendiat/innen überdurchschnittlich viele bereits das Elternhaus verlassen und wohnen in einem Wohnheim oder einer WG.
Die meisten Geförderten in der Studienförderung erhalten – neben immateriellen Formen der Förderung – ausschließlich Büchergeld (42 %). Jeweils etwa ein Viertel erhält ein Teil- bzw. ein Vollstipendium. Die Stipendien werden – in Anlehnung an das BAföG – ganz überwiegend abhängig von der Einkommenssituation im Elternhaus gewährt.
Finanzielle Förderung bedeutet jedoch nicht, bar aller Geldsorgen zu sein. Viele Geförderte müssen – ebenso wie alle Studierenden – einen Teil ihres Lebensunterhaltes durch eigenen Verdienst bestreiten. Besonders verbreitet ist die Erwerbstätigkeit neben dem Studium bei den Geförderten, die ausschließlich Büchergeld bekommen, und hier vor allem unter denjenigen, die aus einer hochschulfernen Familie kommen.
Ein Schwerpunkt der Begabtenförderung ist die Unterstützung von studienbezogenen Aufenthalten im Ausland. Fast jede/r zweite Geförderte war bereits mindestens einmal in Zusammenhang mit dem Studium im Ausland: Ein Drittel war an einer ausländischen Hochschule für ein Teilstudium immatrikuliert, jede/r Fünfte absolvierte ein Praktikum und jede/r Sechste nahm an einem Sprachkurs teil. Die Mobilitätsquote der Geförderten ist damit mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt aller Studierenden im Erststudium.
Insgesamt setzen sich die Geförderten in der Studienförderung – trotz unterschiedlicher Profile der einzelnen Begabtenförderungswerke – recht homogen zusammen. Die leistungsbezogenen Kriterien für die Aufnahme in die Begabtenförderung führen offenbar dazu, dass im Bewerberpool überdurchschnittlich viele mit einem akademischen Hintergrund sind, mit der Folge einer Überrepräsentation hochschulnaher Herkunftsgruppen. Dieser Effekt schwächt sich bei den Promovierenden ab, deren soziale Zusammensetzung heterogener ist. Da Begabung in der Regel über hervorragende Leistung (als eines von mehreren Kriterien) definiert wird, aber nur ein begrenztes Potential von Bewerberinnen und Bewerbern mit mittlerem und niedrigem sozialen Hintergrund zur Verfügung steht, erklärt sich die erfolgte Auswahl aus den vorgefundenen Ausgangsbedingungen.
Näheres unter:
http://www.his.de/pdf/21/Begabte-Bericht%20ges.pdf