Victor Tiberius (2012): Zukunftsgenese

Inhalt

Buch_ZukunftsgeneseZukünftige Entwicklungen vorauszusehen, ist ein alter Menschheitstraum. Die multi- inter- und transdisziplinäre Zukunftsforschung hat zahlreiche Methoden zur Beschreibung möglicher, wahrscheinlicher, wünschenswerter und vermeidenswerter Zukünfte hervorgebracht. Eine über reine Deskription hinausgehende theoretische Erklärung künftiger Entwicklungen steckt hingegen noch in den Kinderschuhen. Im vorliegenden Band werden ausgewählte sozialwissenschaftliche Theorien des Wandels daraufhin untersucht, ob und inwiefern sie über die Erklärung zurückliegenden Wandels hinaus auch die Genese künftigen Wandels erklären können.

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Inhaltsverzeichnis

I. Einführung

II. Theorien der Zukunftsgenese

  • Pfadabhängigkeitstheoretische Beiträge zur Zukunftsgestaltung (Frank E. P. Dievernich)
  • Möglichkeiten und Grenzen der Prognose im Symbolischen Interaktionismus (Michael von Engelhardt)
  • Baumans Soziologie der flüchtigen Moderne (Hardy Frehe)
  • Luhmann und die nächste Gesellschaft (Detlef Horster)
  • Die Theorie reflexiver Modernisierung. Ein Blick zurück in die Zukunft (Jörn Lamla und Henning Laux)
  • Etzionis Theorie der normativen Integration und gesellschaftlichen Steuerung. Schlussfolgerungen für Zukunftsbewertung und -gestaltung (Stefan Lange)
  • Zukunftsprognose als Zeitdiagnose. Habermas’ Weg von der Geschichtsphilosophie zur Evolutionstheorie bis zum Konzept lebensweltlicher Pathologien (Stefan Müller-Doohm)
  • Modernisierung und Zukunftschancen der Gesellschaften. Der Beitrag der Zivilisationstheorie und der strukturgenetischen Soziologie zur Prognose sozialen Wandels (Georg W. Oesterdiekhoff)
  • Zur Zukunftsgenese in Bourdieus Theorie der Praxis (Gernot Saalmann)
  • Trendvorausschau in Ogburns Modell des technologisch-sozialen Kreislaufs (Anna Schwarz)
  • Postmoderne als Zukunft ohne Ankunft. Das endlos Kommende in der postmodernistischen Philosophie (Fernando Suárez Müller)
  • Pfadbrechung und Pfadkreation als zukunftsgenetische Ansätze. Geplante Pfademergenz als restriktiv-indeterministischer Mittelweg (Victor Tiberius)
  • Zur Antizipation sozialen Wandels mithilfe des strukturellen Netzwerkansatzes (Victor Tiberius und Christoph Rasche)
  • Kontingenz als Prognose. Die Modellierung von Zukunft in der Strukturierungstheorie à la Giddens (Thomas Welskopp)

 

Vorwort

Wie wird die Gesellschaft sein, in der wir in zehn, 20, 50 oder 100 Jahren leben? Werden wir ein Heer von Individualisten sein, die atomistisch nebeneinander existieren oder gar gegeneinander kämpfen werden – oder wird das Gemeinschaftsgefühl stärker werden? Werden sich die Nationalstaaten auflösen und einer Weltregierung Platz machen – oder erleben wir verstärkten Protektionismus? Werden die Menschen mehr an Religion und Mystik glauben – oder nimmt die Rationalität zu? Wie wird der technische Fortschritt unser Leben verändern? In welchen Abstimmungsmodalitäten werden wir weitreichende Entscheidungen treffen? Die Liste der spannenden Fragen, die Menschen, Unternehmen und andere Organisationen sowie Regierungen bewegen, ist so umfassend wie die soziale Realität.

Trotz noch so großen Erkenntnisinteresses ist keine dieser Fragen mit abschließender Sicherheit zu beantworten. Für die Gesellschaft von morgen können verschiedene Szenarien formuliert werden. Wir können mögliche und wahrscheinliche Zukünfte explorieren und wir können darüber diskutieren, welche davon wünschens- oder vermeidenswert sind. Ein Vorherwissen ist unmöglich – eine Vorausschau notwendig, um Entwicklungen in lebenswerte Richtungen zu steuern und Gefahren abzuwenden.

An Szenarien zur Beschreibung der zukünftigen Gesellschaft mangelt es nicht. Fachlich versierte Experten aus den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, interdisziplinär arbeitende Zukunftsforscher und leider auch viele Scharlatane formulieren sie für Organisationen in Wirtschaft und Politik. Auch in der Kunst finden sich Zukunftsszenarien, insbesondere in der utopischen Science-Fiction-Belletristik und entsprechenden Filmen.

Doch Szenarien sind lediglich Zustandsbeschreibungen. Zum einen stellen sie mögliche, plausible und wahrscheinliche Zustände dar, die also eventuell zu einem Zeitpunkt in der Zukunft gelten. Sie umfassen jedoch nicht den Zeitraum von der Gegenwart bis zur gewählten Zukunft, in dem die Transformation von Zustand 1 zu Zustand 2 vonstattengeht. Zum anderen – und damit eng zusammenhängend – handelt es sich um reine Beschreibungen, mithin: nicht um Erklärungen, die theoretisch erläutern, weshalb und wie der Wandel stattfindet.

Mit diesen Defiziten setzt sich der vorliegende Band auseinander. Anstelle von Zustandsbeschreibungen strebt er Transformationserklärungen an. Um den zukünftigen Wandel der Gesellschaft zu erklären, bedarf es Theorien des zukünftigen sozialen Wandels bzw. Theorien der Zukunftsgenese. Inwiefern ist – von der Gegenwart (nicht von der Vergangenheit) ausgehend – die Veränderung der Gesellschaft ein zufälliger, von externen bzw. gegebenen Faktoren abhängiger oder ein willentlich gestalteter Prozess? Wer oder was treibt die Entwicklung voran? Wie konkret verläuft dieser Prozess? Diese Fragen muss eine Theorie der Zukunftsgenese beantworten können, um auf diese Weise nicht nur fertige Szenarien präsentieren, sondern auch deren Zustandekommen erklären zu können.

 

Flyer

Der Verlagsflyer kann hier heruntergeladen werden.

 

Nachweis

Victor Tiberius (Hrsg.) (2012): Zukunftsgenese. Theorien des zukünftigen Wandels, Wiesbaden (Springer VS).

 

soziologische_revue_rezension_zukunftsgeneseRezension

„Der Sammelband von Tiberius stellt für die Ausarbeitung eines Ansatzes der ‚Zukunftsgenese‘ einen ersten wichtigen Schritt dar, zeigt mehrere Anknüpfungspunkte hierfür.“ Göll, E. (2015): Doppelbesprechung: Zukunftsforschung in Entwicklung. Theoretische Impulse aus der Soziologie und Eindrücke aus Praxisefeldern, in: Soziologische Revue, 38. Jg., Nr. 3, S. 362-369.

 

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