Praxis|10. Februar 2026
Macht Achtsamkeit Führung authentischer?
Authentische Führung gilt als eine der robusteren Antworten auf Vertrauensverlust, Zynismus und mikropolitische Organisationen. Gleichzeitig bleibt in der Praxis oft die Frage offen, ob sich Authentizität überhaupt entwickeln lässt oder ob sie eher Typsache ist. Eine empirische Studie im Journal of Business and Psychology testet genau das.
Was ist authentische Führung?
Authentische Führung wird in der Forschung typischerweise über vier Kernaspekte beschrieben: Selbstbewusstsein (Stärken, Schwächen, Werte), Beziehungs-Transparenz (ehrlich, nicht taktierend), unvoreingenommene Informationsverarbeitung (auch unbequeme Perspektiven zulassen) und wertebasierte Konsistenz (Handeln passt zu moralischen Standards).
Was ist Achtsamkeit in diesem Kontext?
Achtsamkeit ist die trainierte Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu richten und Erfahrungen wie Gedanken, Emotionen und Körperempfindungen nicht automatisch zu bewerten, sondern zunächst wahrzunehmen. Genau diese Haltung soll helfen, weniger reflexhaft zu reagieren und mehr bewusst zu führen.
Was zeigt die Studie?
Die Forscher untersuchten das Thema in zwei Multi-Source-Studien (Führungskraft und Mitarbeitende als Datenquellen): eine Querschnittsstudie und ein Feldexperiment.
Ergebnis eins: Führungskräfte mit höherer trait-basierter Achtsamkeit werden authentischer geführt wahrgenommen, und zwar sowohl von Mitarbeitenden als auch von den Führungskräften selbst.
Ergebnis zwei ist für Praktiker der Kern: Im Feldexperiment wurde ein 30-tägiges, app-basiertes Achtsamkeitstraining in einem Pre-Post-Design mit Wartelisten-Kontrollgruppe eingesetzt. Die Intervention bestand aus täglichen, geführten 10-Minuten-Meditationen (Headspace), die Aufmerksamkeit und Akzeptanz trainieren, inklusive „Zurückkehren“ zur Aufmerksamkeit ohne Selbstkritik.
Nach der Intervention stieg authentische Führung messbar an, erneut aus Sicht von Führungskräften und Mitarbeitenden, und es zeigten sich positive Effekte auf follower-seitige Einstellungen über authentische Führung als Mechanismus.
Was folgt daraus für die Praxis?
Ein 4-Wochen-Start ist realistisch, weil er klein genug ist, um nicht am Kalender zu scheitern, und lang genug, um Gewohnheiten zu bilden. Die Studie empfiehlt ausdrücklich, ein solches vierwöchiges Training als Einstieg in eine dauerhafte Routine zu nutzen.
Der praktische Transfer entsteht vor allem dann, wenn die Meditation nicht als Wellness, sondern als Führungswerkzeug verstanden wird: besser zuhören, weniger defensiv reagieren, Perspektiven fair abwägen und konsistent nach Werten handeln.
Wichtig ist zugleich der Realismus: Mindfulness ist kein „Quick Fix“ für strukturelle Probleme wie Überlast, schlechte Prozesse oder toxische Anreizsysteme. Wenn das Umfeld permanent gegen Achtsamkeit arbeitet, bleibt der Effekt begrenzt.
Fazit
Achtsamkeit ist nicht nur „nice to have“, sondern kann als kurze, skalierbare Entwicklungsintervention die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Führung im Alltag als authentisch erlebt wird. Entscheidend ist die Konsequenz: 10 Minuten täglich über 30 Tage und der bewusste Transfer in Gesprächs- und Entscheidungssituationen.
Quelle:
Nübold, A., Van Quaquebeke, N., & Hülsheger, U. R. (2020). Be(com)ing Real: a Multi-source and an Intervention Study on Mindfulness and Authentic Leadership. Journal of Business and Psychology, 35, 469–488. doi:10.1007/s10869-019-09633-y