Wissenschaft|16. Juli 2026
Agentische KI als Innovationstreiber
Kein Thema bewegt die Wirtschaft so sehr wie die künstliche Intelligenz. Der nächste Entwicklungsschritt nach Chatbots, agentische KI, steckt noch in den Anfängen.
Dabei geht es um Systeme, die nicht mehr nur auf Eingaben reagieren, sondern eigenständig Ziele verfolgen. Sie treffen Entscheidungen, stoßen Abläufe an und korrigieren sich selbst. Das klingt zunächst nach einem technischen Detail. Die eigentlich interessanten Fragen sind aber gar keine technischen. Sie betreffen Organisationen, Märkte, die öffentliche Verwaltung und am Ende das Vertrauen der Menschen, die mit solchen Systemen arbeiten sollen.
Die Lücke zwischen Schlagwort und belastbarem Wissen rund um KI-Agenten war einer der Gründe, warum wir – vier Kollegen und ich – die Herausgeberschaft für diesen Band übernommen haben:
Der Band versammelt die Beiträge der International Multi-Disciplinary Conference IMDC-IST 2025. Am Ende sind es 49 Aufsätze auf rund 860 Seiten geworden. Schon diese Zahl sagt einiges über das Interesse am Thema.
Deshalb haben wir das Buch bewusst breit angelegt. Die Beiträge kommen aus dem Gesundheitswesen, aus dem Bildungsbereich, aus Finanzwelt, Energie und öffentlichem Sektor. Ein Aufsatz untersucht, wie autonome Systeme die Arbeit an der sogenannten Straßenebene der Verwaltung verändern, also dort, wo Sachbearbeiter täglich über Anträge und Ansprüche entscheiden. Ein anderer geht der Frage nach, wie Wissensarbeit und Digitalisierung in Krankenhäusern zusammenwirken, mit Daten aus dem Gesundheitssektor in Bagdad. Wieder andere befassen sich mit Betrugserkennung im digitalen Banking, mit Tourismus und kulturellem Erbe im Irak oder mit der Haltung von Dozierenden gegenüber KI in der Lehre.
Ein roter Faden zieht sich trotzdem durch fast alle Kapitel. Sobald ein System selbst handelt, verschiebt sich die Frage der Verantwortung. Wer haftet, wenn eine autonome Anwendung eine Entscheidung trifft, die sich im Nachhinein als falsch herausstellt? Wie viel Kontrolle geben wir ab, und an welcher Stelle sollte ein Mensch weiterhin das letzte Wort behalten? Das erste Kapitel setzt hier den Rahmen und verbindet agentische KI ausdrücklich mit Innovation, Governance, Nachhaltigkeit und Vertrauen. Diese vier Begriffe kehren in vielen Beiträgen wieder, mal ausgesprochen, mal zwischen den Zeilen.
Ein Konferenzband ist eine Momentaufnahme, und dieser hier zeigt ein Feld, das sich gerade erst sortiert. Was er bietet, sind saubere Methoden, nachvollziehbare Fallstudien und eine Reihe von Forschungsfragen, an denen andere weiterarbeiten können. Für Promovierende und Forschende, die sich in das Thema einarbeiten wollen, ist das oft wertvoller als eine schnelle These, die morgen schon überholt ist.
Ob agentische KI die Erwartungen erfüllt, die gerade in sie gesetzt werden, weiß heute niemand seriös zu sagen. Ich bin da vorsichtig optimistisch und zugleich skeptisch gegenüber den größten Versprechen. In dieser Spannung liegt für mich der Wert eines solchen Bandes. Er hält fest, was wir zu einem bestimmten Zeitpunkt wirklich wussten, und trennt das vom Marketing.
Mein Dank an meine Mitherausgeber Alhamzah Malik Alnoor, Marco Valeri, Khalid Dahleez und Mohammed Salah Alazzawi sowie die Autoren für ihre erkenntnisreichen Beiträge!
Quelle:
Tiberius, V., Alnoor, A. M., Valeri, M., Dahleez, K., & Alazzawi, M. S. (Eds.) (2026). Beyond intelligent systems: navigating the power of the agentinc artificial intelligence for driving innovation. Cham (SpringerNature). doi:10.1007/978-3-032-15806-2
